Das Fallprinzip als Lehrmethode: Workshop am Campus Landau zu Case Teaching als Methode einer kompetenzorientierten politikwissenschaftlichen Lehre

Wie die universitäre Lehre jenseits von Frontalunterricht, Referaten und herkömmlichen Lektüreseminaren interaktiver und aktivierender, aber auch kompetenzorientierter und abwechslungsreicher gestaltet werden kann, wird vielerorts diskutiert. Im Fach Politikwissenschaft hat die Debatte einen neuen Impuls durch ein didaktisches Konzept erhalten, das im anglo-amerikanischen Raum seit längerem etabliert ist: das sogenannte „Case Teaching“.

Im Rahmen eines ganztägigen Expertenworkshops „Fälle analysieren und verstehen. Case Teaching als Methode einer kompetenzorientierten politikwissenschaftlichen Lehre" bot sich am 13. September 2016 am Campus Landau die Gelegenheit, die Einsatzmöglichkeiten, Spielarten und Perspektiven des Case Teaching für die politikwissenschaftliche Lehre genauer zu diskutieren. Eingeladen dazu hatte Prof. Dr. Manuela Glaab (Universität Koblenz-Landau), unter deren Leitung seit Oktober 2015 ein Lehrprojekt „Fallbasierte kompetenzorientierte Lehre: Von der Falldarstellung zum Case Teaching“ im Bereich der politischen Systemlehre durchgeführt und mit dem Workshop abgeschlossen wurde.

Zur Begrüßung der bundesweit angereisten KollegInnen sowie der studentischen TeilnehmerInnen skizzierte Glaab zunächst die Grundidee der fallbasierten akademischen Lehre. Die inzwischen in vielen Curricula und modularisierten Studiengängen geforderte Kompetenzorientierung verlange nach neuen Wegen des Wissenserwerbs und genau hierfür stelle die Methode des Case Teaching wichtige Potenziale bereit. Schließlich ziele das Fallprinzip auf eine interaktive, anwendungsorientierte Lehre, die die Verknüpfungs- sowie Problemlösungskompetenz der Studierenden stärken soll. Wie dies in unterschiedlichen Studiengängen und mit Studierenden unterschiedlicher Fachsemester gelingen kann, welche Impulse die Fallmethode insgesamt zur Weiterentwicklung einer kompetenzorientierte politikwissenschaftliche Lehre zu liefern vermag, darauf gab der Workshop Antworten.

In einem ersten Vortrag zeigte Prof. Dr. Andreas Blätte (Universität Duisburg-Essen) auf, wie mit Fällen in der Politikwissenschaft kompetenz- und problemorientiert gelehrt wird. Zunächst hob er noch einmal hervor, dass sich Falldarstellungen charakteristischerweise dadurch auszeichnen, dass sie einen „realen politischen Sachverhalt“ darstellen, den eine „Dilemmasituation“ kennzeichnet. Idealerweise beschreibe solch ein Text eine komplexe politische Herausforderung, die dann zum Gegenstand einer Falldiskussion (Case Teaching) im Kurs wird. Fälle sollten den Studierenden den „Geist der Tragödie“ vermitteln, so Blätte. Die Falldiskussion selbst erfolge in der Regel entlang einiger weniger Fragen: Worum geht es? Welche Handlungsoptionen bestehen? Wie sind die einzelnen Handlungsoptionen und Entscheidungsalternativen zu bewerten? Welche Alternative erscheint zweckgemäß? Wie kam die Entscheidung zustande? Blätte betonte, dass eine erfolgreiche Falldiskussionen voraussetze, dass die Dozierenden zuvor ein partizipatives und interaktives Setting in ihrer Lehrveranstaltung etabliert und gemeinsam mit den Studierenden habitualisiert haben.

Die Bedeutung von Interaktion und Partizipation für eine kompetenzorientierte Lehre unterstrich auch Dr. Ina Mittelstädt (Hochschuldidaktische Arbeitsstelle, Universität Koblenz-Landau). Mittelstädt nähert sich der Frage nach der Kompetenzorientierung in der akademischen Lehre aus hochschuldidaktischer Sicht. Über die Unterscheidung zwischen Oberflächen- und Tiefenlernen ordnete sie das Fallprinzip zunächst als geeignete Lehrmethode ein, die fernab von Faktenwissen dazu beitrage, dass in der Hochschullehre wissenschaftliche und berufsqualifizierende Schlüsselkompetenzen vermittelt würden. In einer Gruppenarbeit mit den WorkshopteilnehmerInnen problematisierte Mittelstädt anschließend, welche Faktoren einem Tiefenlernen entgegenstehen können und welche Lösungsansätze sich anbieten, um die auf Seiten der Studierenden bestehenden Spannungsverhältnisse von Motivation und Frustration sowie von Autonomie und Sicherheit auflösen zu können.

Fortgesetzt wurde der Gedankenaustausch unter den TeilnehmerInnen im Rahmen einer Ideenbörse in Kleingruppen. Hierbei wurde praxisorientiert der Frage nachgegangen, wie sich Fälle in die Lehre integrieren lassen. Konsens bestand darüber, dass insbesondere der Theorie-Empirie-Transfer eine große Herausforderung beim Case Teaching darstellt. Die Ideensammlung hierzu reichte von intensivem Co-Teaching der Seminarleitung mit den Studierenden über die Ausarbeitung von konkreten Fragekatalogen und Übungsaufgaben bis hin zur Kopplung von Grundlagenvorlesungen und Case Teaching-Kursen. Die Teilnehmer stimmten darin überein, dass ein erfolgreiches Case Teaching letztlich ein hohes Maß an Flexibilität, Geduld und Zeit erfordert.

Dass die Ressource Zeit nicht nur für das Case Teaching selbst eine gewichtige Rolle spielt, sondern auch bei der schriftlichen Ausarbeitung von Cases zu berücksichtigen ist, zeigten Prof. Dr. Manuela Glaab und Daniel Reichard M.A. (beide Universität Koblenz-Landau) in ihrem Vortrag zur Kompetenzorientierung durch Fallproduktion. Ausgehend von ihren Praxiserfahrungen, die sie im Wintersemester 2015/16 gemeinsam mit einem Tutorenteam und Studierenden in Form von studiengangsübergreifenden Schreibwerkstätten am Campus Landau umgesetzt hatten, erörterten Glaab und Reichard die Potenziale und Fallstricke, die solch ein außercurriculares Veranstaltungsangebot in sich birgt. Positiv wurde hervorgehoben, dass das Format der Schreibwerkstatt es den Studierenden ermöglichte, Schreiben als Prozess zu erleben, der die intrinsische Motivation steigert und damit ein Tiefenlernen erlaubt. Die größte Herausforderung bei der Durchführung von Schreibwerkstätten zur Case-Erstellung erkannten Glaab und Reichard zum einen in der Sicherstellung der Textqualität, zum anderen im Ressourcenaufwand, der vor allem bei der Schlussredaktion der Falldarstellungen nicht zu unterschätzen sei. Letztlich, darin waren sich die TeilnehmerInnen einig, bedarf es für die Fallproduktion nicht unerheblicher finanzieller und personeller Ressourcen, um diese adäquat realisieren zu können.

Wie mit Fällen in modularisierten Studiengänge gelehrt werden kann, darauf richtete Karina Hohl M.A. (Universität Duisburg-Essen) den Blick. Entlang verschiedener Beispiel aus ihrer Lehrpraxis auf Bachelor- und Masterniveau illustrierte Hohl die Möglichkeiten des Case Teaching für unterschiedliche Studiengänge und unterschiedliche Fachsemester. Entlang der Lernzieltaxonomie von Bloom (Erinnern, Verstehen, Anwenden, Analysieren, Beurteilen, Erschaffen) sei es möglich, sich am Kompetenzbedarf der jeweiligen Fachsemester oder Studiengänge zu orientieren. Außerdem gelte es, den zielgruppenspezifischen Materialbedarf zu berücksichtigen. Vor allem aber komme es darauf an, den gesteigerten Moderationsbedarfs durch die Dozierenden zu beachten, da das Case Teaching von gezielten Moderationsimpulsen in einem interaktiven Seminarkontext lebe. Letztlich ließen sich Falldiskussionen auf die Formel des Harvard Business School Professors C. Roland Christensen verdichten, so schloss Hohl pointiert in ihrem Fazit: „Discussion-teaching is the art of managing spontaneity“.

Zum Abschluss des Workshops fasste die Veranstalterin Glaab die Vorträge und Diskussionen zusammen, die allesamt das Potenzial des Case Teaching für die politikwissenschaftliche Lehre aufzeigten. Innovative Formen der Vermittlung wichtiger wissenschaftlicher und berufsqualifizierender Schlüsselkompetenzen würden nicht nur in Curricula gefordert, auch Studierende würden diese zusehends mit großem Interesse nachfragen. Insofern kann das Fallprinzip einen wichtigen Beitrag zu einer stärker kompetenzorientierten Lehre leisten, bilanzierte Glaab. Die bestehenden Entwicklungsperspektiven, die beispielsweise auch kompetenzorientierte Prüfungsformen mit Fällen umfassen, werden auch künftig zum interdisziplinären Austausch einladen.


Datum der Meldung 22.09.2016 17:00