Politikberichterstattung in den USA und Deutschland. Ein Erfahrungsbericht aus „zwei Welten“

Mediale Beschleunigung und politische Polarisierung - „zwei Substanzen, die erst zusammen so richtig toxisch wirken“

Ein Gastvortrag von Dr. Daniel Pontzen im Rahmen der „Lecture Series zu aktuellen Fragen der Politikforschung“ am Campus Landau

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Dass der klassische Journalismus aufgrund des Medienwandels wie auch des veränderten Nutzungsverhaltens vor großen Herausforderungen steht, ist unbestritten. Ein jeder und eine jede kann heute zum Nachrichtenproduzenten werden. Nicht selten wird in diesem Zusammenhang auf die Vorreiterrolle des US-Mediensystems verwiesen oder aber vor „amerikanischen Verhältnissen“ gewarnt. Die Debatte um „fake news“ bzw. „alternative Fakten“ hat dies noch einmal schlaglichtartig verdeutlicht. Wie sich die Politikberichterstattung angesichts dieser neuen Dynamiken in den USA, aber auch in Deutschland entwickelt, stand im Zentrum des Gastvortrags von Dr. Daniel Pontzen am 17. Juni 2019 an der Universität Koblenz-Landau. Der vor kurzem noch in Washington tätige, jetzt im Hauptstadtstudio Berlin arbeitende ZDF-Korrespondent war der Einladung von Prof. Dr. Manuela Glaab gefolgt, im Rahmen der von ihr am Campus Landau regelmäßig organisierten Lecture Series zu aktuellen Fragen der Politikforschung zu sprechen. Das Thema ‚Politikberichterstattung in den USA und Deutschland. Ein Erfahrungsbericht aus „zwei Welten“‘ bot den Studierenden die seltene Gelegenheit, praxisnahe Einsichten in aktuelle journalistische Arbeitsweisen auf beiden Seiten des Atlantiks zu erhalten.

Pontzen erläuterte eingangs die Strukturen der US-amerikanischen Politikberichterstattung. Dabei fokussierte er auf die politischen Leitmedien in den USA und machte zunächst deutlich, dass die Trennung zwischen Nachricht und Kommentar in der dortigen Qualitätspresse einen hohen Stellenwert genießt. Den krassen Gegenpol hierzu stelle der amerikanische TV-Sender ‚Fox-News‘ dar. Denn wie kein zweiter Anbieter stehe ‚Fox-News‘ für „Polarisierung in Perfektion“, indem ganz gezielt die „Bedienung von Emotionen“ forciert werde. Dass der Qualitätsjournalismus durch diese Art des „Schreihals-Journalismus“ zunehmend übertönt werde, bezeichnete der ZDF-Korrespondent insgesamt als strukturelles Problem der amerikanischen Medienlandschaft. „Von TAZ bis FAZ“ skizzierte Pontzen dann im zweiten Teil seines Vortrags die Angebotsstrukturen der Politikberichterstattung in Deutschland, bevor er schließlich über seine eigenen, im Rahmen seiner Reportertätigkeit in den USA wie auch in Deutschland gesammelten Erfahrungen berichtete. So war Pontzen in den Jahren 2014 bis 2017 als ZDF-Korrespondent im Studio Washington tätig und erlebte die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten im Jahr 2016 vor Ort mit. Abgesehen von der im Vergleich zu Deutschland ohnehin schon höheren „Nachrichtenschlagzahl“ in der amerikanischen Politikberichterstattung, habe gerade die Präsidentschaftskandidatur Trumps im Jahr 2015 als zusätzlicher „Turbo-Boost“ im Medienbetrieb gewirkt. Durch die verstärkte Nutzung von Social Media sei Trump selbst gewissermaßen zu einem „Game Changer“ für die zuvor schon „nervöse“ politische Berichterstattung geworden. Mit Blick auf die deutsche Medienlandschaft verdeutlichte der Referent, dass sich auch hierzulande die ‚Spielregeln‘ der Politikberichterstattung im Zuge einer verstärkten Nutzung des Internets und der Sozialen Netzwerke eindeutig gewandelt hätten. Adäquat auf diese veränderten Nutzungsmuster zu reagieren, sei daher eine zentrale Herausforderung seiner täglichen Arbeit, so der seit 2018 im politischen Berlin tätige Journalist.

Bevor Pontzen sich den Fragen des zahlreich erschienenen Publikums stellte und in einer lebhaften Diskussion weitere Einblicke in seinen Arbeitsalltag gab, verwies er vor dem Hintergrund seiner langjährigen Erfahrungen nachdrücklich auf die von ihm aktuell erkannten Gefahrenpotenziale: Die in den letzten Jahren immer weiter zunehmende Beschleunigung der medialen (Politik-)Berichterstattung in Verbindung mit einer verstärkten (gesellschafts-)politischen Polarisierung nehme er als eine wirklich gefährliche Kombination wahr – als „zwei chemischen Substanzen, die für sich genommen schon leicht gefährlich sind, die aber erst zusammen so richtig toxisch wirken“.

Gastvortrag Pontzen


Datum der Meldung 23.06.2019 00:00