Bei Bewerbungsgesprächen das Sächseln lieber unterlassen - warum Dialekte und Akzente nicht immer so gut ankommen

Bei Bewerbungsgesprächen das Sächseln lieber unterlassen - warum Dialekte und Akzente nicht immer so gut ankommen

Autor: Marcel Schmitt

Sprechen Sie Dialekt? Oder würden Sie behaupten, Sie sprechen zwar keinen Dialekt, jedoch ist Ihre Aussprache von der Region geprägt, in der Sie aufwuchsen? Falls ja, dann gibt es bestimmt Momente, in denen Sie bemüht sind, möglichst „sauberes“ Deutsch zu sprechen, um bloß nicht negativ aufzufallen. Befunde aus der sozialpsychologischen Forschung können Sie zu einer solchen sprachlichen Anpassung in wichtigen Situationen nur ermuntern.

Bisher sind vor allem die negativen Auswirkungen von Dialekten und Akzenten auf die Einschätzung der Persönlichkeit der Sprecher*innen untersucht worden. Insbesondere geht man davon aus, dass das Hören von Akzenten oder Dialekten beim Empfänger Stereotype auslösen kann, die die mit Akzent sprechende Person in einem negativen Licht da stehen lassen (zum Beispiel ein geringerer Bildungsgrad). Auch könnte der Akzent sprechenden Per-son unbewusst vorgeworfen werden, dass sie sich wohl nicht genügend anstrenge „normal“ zu sprechen. Beides könnte die Ergebnisse einer Studie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena erklären: Versuchspersonen hörten Ausschnitte aus einem fiktiven Bewerbungsgespräch für einen Job im mittleren Management. Dabei hörten sie entweder eine/n Bewerber/in mit Berliner, sächsischem oder bayerischem Akzent oder ohne regionalen Akzent und schätzten sie/ihn anhand von Kompetenz, sozialen Fertigkeiten und beruflicher Eignung ein. Die Antworten des Bewerbers/der Bewerberin waren so gewählt, dass sie in allen Bedingungen auf hohe Ausprägungen der Person in diesen Eigenschaften schließen ließen. Trotzdem wurden Bewerber*innen mit Akzent als weniger geeignet für die Stelle eingeschätzt als Bewerber*innen ohne Akzent.

Eine Studie der University of Chicago untersuchte, wie glaubwürdig US-amerikanische Versuchspersonen Englisch-Sprecher*innen mit mittel oder stark ausgeprägtem ausländischem Akzent einstuften im Vergleich zu Englisch-Muttersprachler*innen. Die Versuchspersonen hörten insgesamt 45 auf Band aufgenommene triviale Aussagen wie zum Beispiel „Ameisen schlafen nie“ und gaben nach jeder Aussage an, für wie glaubwürdig sie die Aussage hielten. Jeweils 15 Aussagen stammten von Muttersprachler*innen, Personen mit mittelstarkem Akzent und Personen mit starkem Akzent. Welche der 45 Aussagen von welcher Person stammte, war von Versuchsperson zu Versuchsperson unterschiedlich; zudem wussten die Proband*innen, dass die Aussagen von den Studienleiter*innen vorgegeben waren. Das Ergebnis der Studie: Die Aussagen der Muttersprachler*innen erschienen den Proband*innen glaubwürdiger als die der Personen mit Akzent. Heißt das nun, dass Menschen Ausländer*innen grundsätzlich weniger glauben als Muttersprachler*innen? Die Autor*innen vermuten hinter ihrem Befund weniger Vorurteile gegenüber den Sprecher*innen als psychologische Prozesse in der Sprachverarbeitung. So sei Sprache mit Akzent schwieriger zu verarbeiten als Sprache ohne Akzent. Aus früherer Forschung ist bereits bekannt, dass Aussagen, die sprachlich einfacher zu verarbeiten sind (weil sie zum Beispiel Reime beinhalten), als glaubwürdiger wahrgenommen werden als in der Bedeutung äquivalente Aussagen, die nicht so einfach zu verarbeiten sind. Menschen würden demnach unbewusst die schwierigere Verarbeitung fälschlicherweise als eine geringere Glaubwürdigkeit der Aussagen interpretieren. Analog hierzu sollten sprachliche Mitteilungen ohne Akzent aufgrund ihrer flüssigeren Verarbeitung glaubwürdiger erscheinen als Aussagen mit Akzent. Nachdem in einem weiteren Experiment den Versuchspersonen vor dem Hören der Aussagen erzählt wurde, dass Verständnisschwierigkeiten die Glaubwürdigkeit beeinflussen können, erschienen Sprecher*innen mit mittelstarkem Akzent den Versuchspersonen genauso glaubwürdig wie Sprecher*innen ohne Akzent. Die Versuchspersonen korrigierten sozusagen die Einschätzung der Glaubwürdigkeit, weil sie sich einer möglichen Fehlinterpretation bewusst waren. Jedoch wurde Sprecher*innen mit starkem Akzent weiterhin weniger geglaubt als Muttersprachler*innen oder Sprecher*innen mit Akzent - bei starkem Akzent scheint es wohl doch noch andere Ursachen dafür zu geben, warum diesen Personen weniger geglaubt wird.

Ob aufgrund von Vorurteilen oder aufgrund von Verständnisschwierigkeiten: Wenn es darauf ankommt, sollte man am besten seinen Akzent zu verstecken versuchen. Sonst liegt ein Problem vielleicht wohl nicht darin, was man sagt, sondern eher, wie man es sagt.

 

Quellen:

Lev-Ari, S. & Keysar, B. (2010). Why don’t we believe non-native speakers? The influence of accent on credibility. Journal of Experimental Social Psychology, 46, 1093-1096.

Rakić, T., Steffens, M. C. & Mummendey, A. (2011). When it matters how you pronounce it: The influence of regional accents on job interview outcome. British Journal of Psychology, 102, 868-883.