Dehumanisierung: Menschen wie du und ich?

Dehumanisierung: Menschen wie du und ich?

Autor: Tobias Johann

Das Stereotyp des „jüdischen Parasiten“, der fremde Völker „befällt“, ausnutzt und schädigt, lässt sich bis in das 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Nicht erst im nationalsozialistischen Sprachgebrauch wurden Juden als „Schädlinge“ diffamiert, die „ausgerottet“ werden sollten, wurden sie zu „Ungeziefer“ herabgestuft, das man „vernichten“ dürfe und müsse. In vielen Konflikten zwischen Gruppen werden jene, die dem eigenen politischen, ethnischen oder weltanschaulichen Lager gegenüberstehen, nicht mehr als Mensch angesehen, für „schlimmer als das Vieh“ gehalten. Dies sind besonders eindrückliche Beispiele für das in der Psychologie und den Sozialwissenschaften fruchtbar gemachten Konzept der Dehumanisierung

In den oben genannten Beispielen wurden die Entmenschlichten mit Tieren gleichgesetzt, daher wird auch von der animalistischen Dehumanisierung gesprochen. Nicht immer wird der Andere jedoch gänzlich seines Menschseins beraubt. Bei der mechanistischen Dehumanisierung werden die Fremdgruppenmitglieder zwar als Menschen wahrgenommen, es fehlt ihnen aber beispielsweise an Zivilisiertheit, moralischen Maßstäben, Triebkontrolle, interpersoneller Wärme oder kognitiver Offenheit. Sie erscheinen kalt und roboterhaft. Der Andere scheint also in bestimmten Aspekten wie der geistigen Leistungsfähigkeit, insbesondere aber in Hinblick auf die Komplexität der Gefühle und des Empfindens, unterentwickelt.

Auch wenn diese zweite Form harmloser erscheint, lassen sich hiermit erhebliche Ungerechtigkeiten rechtfertigen. So zeigte sich, dass Fremdgruppenmitgliedern mitunter eine geringere Leidensfähigkeit zugeschrieben wird, womit sich eine harte, mitleidlose Behandlung rechtfertigt, die man den Eigenen gegenüber als „unmenschlich“ ansehen würde. Je stärker hierbei die Bindung zu der Eigengruppe ist, umso stärker werden die Unterschiede zu den Anderen wahrgenommen. Beide Gruppen werden als homogener wahrgenommen („Die sind doch eh alle gleich!“), als sie tatsächlich sind. Dies erleichtert die Dehumanisierung.

Gerade vor dem Hintergrund des Wiedererstarkens rechtskonservativer und nationalistischer Strömungen in Europa und mit den Bildern des industriellen Massenmordes wirken die Befunde zur Dehumanisierung bedrohlich. Der polnischbritische Soziologe Zygmunt Bauman zeigt, wie dieser Prozess totalitäre Systeme bei menschenunwürdiger Behandlung bis hin zum industrialisierten Massenmord im Nationalsozialismus unterstützt, indem mit seiner Hilfe die soziale Distanz vergrößert wird, was wiederum die Bereitschaft zur Grausamkeit erhöht. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass die Dehumanisierung im militärischen und polizeilichen Kontext eine – aus Sicht der diesen Systemen eigenen Logik – positive Wirkung entfalten kann: Sie hilft dabei, hemmende Mechanismen auszuhebeln, welche SoldatInnen oder PolizistInnen daran hindern könnten, den Feind zu „eliminieren“ oder zu „neutralisieren“. Schon in diesem Sprachgebrauch offenbart sich das Entmenschlichende.

Was jedoch alltägliche Beziehungen zwischen Gruppen angeht, fällt es schwer, der Dehumanisierung etwas Positives abzugewinnen. Dennoch gemahnen Forschungsergebnisse zur Vorsicht was Generalisierung und Katastrophisierung angeht.

So zeigte sich, dass Nationalismus tatsächlich oft mit Dehumanisierung einhergeht und stets eine Abwertung der Anderen beinhaltet. Patriotismus hingegen ist durch ingroup love gekennzeichnet, welche jedoch nicht automatisch zur Geringschätzung von Fremdgruppen, also zu outgroup hate, führt. Obgleich es einen positiven Zusammenhang zwischen den beiden Konstrukten sind, gilt es, sie konzeptuell zu trennen. Nicht jeder, der beim „Marsch der Patrioten“ mitläuft, ist auch ein solcher, ebenso wenig, wie der Vorwurf des Nationalismus jeden zurecht trifft, der sich ihm ausgesetzt sieht.

Auch Dehumanisierung geht nicht zwangsläufig mit Ablehnung oder gar Hass einher, dennoch stellt sie ein beunruhigendes Phänomen dar. Die gilt umso mehr, da sie als ein normales soziales Phänomen betrachtet werden kann und auf ganz alltäglichen sozialkognitiven Prozessen beruht, also nicht pathologischen Ursprungs ist.

Wie kann man der Dehumanisierung nun entgegenwirken? Die Kontakthypothese besagt, dass der Kontakt zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Gruppen zur Reduktion von – auch dehumanisierenden – Vorurteilen führen kann. Dies kann z.B. über die gezielte Schaffung positiver Kontakte oder eine gemeinsame Identifikation geschehen, bei der man eine übergeordnete Kategorisierung vornimmt: „Wir als Europäer!“ oder „Wir in Deutschland Lebenden!“

Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive darf man kritisch sein, inwieweit die Kontakthypohese, welche in Laborsettings untersucht wurde, auf Großgruppen, Nationalgesellschaften oder gar Kulturen übertragbar ist. Unabhängig davon kann es jedoch nur von Vorteil sein, insbesondere jungen Leuten die Möglichkeit zu eröffnen, Menschen verschiedenster Herkünfte und Hintergründe kennenzulernen. Sie werden erkennen, dass Fremdgruppen keine homogenen Gebilde sind und dass ihre Mitgliedern ebenso menschlich sind, wie sie selbst.

Quellen:
Aronson, E., Wilson, T. & Akert, R. (2007). Social Psychology. Upper Saddle River: Pearson.

Bauman, Z. (1992). Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit. Hamburg: Junius.

Haslam, N. (2006). Dehumanization. An Integrative Review. Personality and Social Psychology Review, 10(3), 252–264.

Riva, P., & Andrighetto, L. (2012). “Everybody feels a broken bone, but only we can feel a broken heart”: Group membership influences the perception of targets' suffering. European Journal of Social Psychology, 42, 801-806.

Viki, G. T. & Calitri, R. (2008). Infrahuman outgroup or suprahuman ingroup: The role of nationalism and patriotism in the infrahumanization of outgroups. European Journal of Social Psychology, 38, 1054-1061.

Waytz, A., & Epley, N. (2012). Social connection enables dehumanization. Journal of Experimental Social Psychology, 48(1), 70-76.