„Die Rolle von kollektivem Schuldbewusstsein und Kommunikation bei der Wahrnehmung von sozialer Ungerechtigkeit“

„Die Rolle von kollektivem Schuldbewusstsein und Kommunikation bei der Wahrnehmung von sozialer Ungerechtigkeit“

Autorin: Marina Schmidt

Die Forderungen nach einem Rücktritt werden derzeit immer lauter für den demokratischen Gouverneur von US-Bundesstaat Virginia, Ralph Northam, nachdem in den letzten Tagen ein Foto von Northam an die Öffentlichkeit gelangt ist, auf dem er mit einem schwarz angemalten Gesicht („Blackface“) neben einer Person in Ku-Klux-Klan-Robe zu sehen ist. Das Foto ist Teil der Profilseite des Gouverneurs in dem Jahrbuch seiner medizinischen Hochschule von 1984, Northam ist deswegen auf einer Art Entschuldigungstour durch die amerikanischen Medien. In der Montagsfolge der Daily Show, einer international bekannten US-amerikanischen Nachrichtensatiresendung, stellt Trevor Noah Umfrageergebnisse der Washington Post zu einem möglichen Rücktritt Northams vor: Während 46% der weißen Befragten sich für einen Rücktritt aussprechen, sind es 58% der schwarzen Befragten, die der Meinung sind, dass Northam im Amt bleiben soll. Das überraschende Ergebnis, dass mehr schwarze Amerikaner diesen Fehler Northam anscheinend durchgehen lassen wollen, erklärt Trevor Noah damit, dass wahrscheinlich jeder weiße Regierungsbeauftragter in der Vergangenheit „irgendeinen rassistischen Scheiß“ gemacht hat, entsprechend sei es der schwarzen Bevölkerung lieber „einen weißen Typen zu haben, der bereits dabei erwischt wurde und dem es auch noch leid tut“. Diese Erklärung beendet Trevor Noah lachend mit „denn, ja, ihr wisst, dass der Typ niemals wieder irgendwas verkorksen wird und jetzt hat er auch noch Rassismusschulden, die er abbezahlen muss. Und (…) weißes Schuldbewusstsein kann sehr nützlich sein. Jetzt können ihn schwarze Menschen nach allem fragen – bessere Schulen, Strafrechtreform, einen Feiertag an Beyoncès Geburtstag…“

An diesem Witz könnte etwas Wahres dran sein. Der Selbstkategorisierungstheorie zufolge tendieren Menschen dazu sich und ihre Handlungen entweder auf einer Individual- oder einer Gruppenebene zu kategorisieren. Wenn man sich zu einer Gruppe zugehörig fühlt und die Eigengruppe mit ungerechter Behandlung einer Fremdgruppe assoziiert wird, dann kann kollektive Schuld empfunden werden. Untersuchungen zufolge wird der Glaube daran, dass Menschen mit weißer Hautfarbe privilegiert werden mit kollektivem Schuldbewusstsein unter weißen Probanden assoziiert. Weiterhin erhöhte die Berücksichtigung von Weißen als Täter von Benachteiligung gegenüber Schwarzen Gefühle kollektiver Schuld, während Schwarze als Opfer von Diskriminierung zu betrachten es nicht getan hat. Dies spricht dafür, dass die Anerkennung von White Privilege und White Responsibility zu kollektivem Schuldbewusstsein führen kann. Kollektives Schuldbewusstsein wiederum ist mit der Befürwortung von kompensatorischen Handlungen wie Reparationszahlungen oder Affirmative Action Policy assoziiert und kann die Motivation fördern mit Mitgliedern der Fremdgruppe in Kontakt zu treten und eine egalitäre (Intergruppen-)Beziehung aufzubauen.

Soziale Ungerechtigkeit wird meist als Benachteiligung bestimmter Gruppen beschrieben. Ebenso inhaltlich korrekt wäre es aber diese als Begünstigung bestimmter Gruppen zu veranschaulichen. Psychologischen Forschungsergebnissen zufolge macht es einen bedeutenden Unterschied welche Beschreibung man wählt. Die Beschreibung sozialer Ungleichheit als Begünstigung Weißer resultierte im größeren kollektiven Schuldbewusstsein, weniger rassistischen Einstellungen und weniger Rassenidentifikation mit der Gruppe der Weißen. Es scheint, dass wenn soziale Ungerechtigkeit mit einem Fokus auf Fremdgruppenbenachteiligung (und nicht Eigengruppenbegünstigung) beschrieben wird, der privilegierten Gruppe eine Vermeidung der negativen Implikationen ermöglicht wird. Eine Beschreibung von sozialer Ungerechtigkeit als Fremdgruppenbenachteiligung erhöht eben nicht die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen sich zu der privilegierten Gruppe auf einer Gruppenebene kategorisieren und das Problem als relevant für sich selbst sehen.

Eine aktuelle Untersuchung bestätigt die vorangegangenen Studienergebnisse und spricht auch dafür, dass es auf einer individuellen Ebene etwas anders aussieht. Wenn man einer Person sagt, dass das was sie bekommen hat unverdient ist, kann es bei dieser Person kognitive Verzerrungen auslösen, die der Aufrechterhaltung des eigenen Selbstwertes dienen. Menschen tendieren dann dazu, eigene Erfolge eher inneren Ursachen wie eigener Kompetenz zuzuschreiben, während man Misserfolge eher auf äußere Umstände wie die Situation oder den Zufall zurückführt.

Allgemein sprechen die vorgestellten Ergebnisse dafür, dass aktuelle Anstrengungen soziale Ungleichheiten in Einkommen, Bildung und Arbeit anzugehen von der Art und Weise wie Ungerechtigkeit dargestellt wird, Vorteile ziehen können. Wie Menschen, die von Ungerechtigkeit profitieren, mit der Situation umgehen hängt vor allem davon ab wie diese beschrieben wird. Wenn Personen in einflussreichen Positionen für soziale Ungerechtigkeit sensibilisiert werden sollen ist es entscheidend wie diese ausgedrückt wird.

 

Quellen:

Branscombe, N. R., & Miron, A. M. (2004). Interpreting the ingroup’s negative actions toward another group: Emotional reactions to appraised harm. In C. W. Leach & L. Z. Tiedens (Eds.), The social life of emotions. New York: Cambridge University Press.

Branscombe, N. R., Slugoski, B., & Kappen, D. M. (2004). The measurement of collective guilt: What it is and what it is not. In N. R. Branscombe & B. Doosje (Eds.), Collective guilt: International perspectives. New York: Cambridge University Press.

Noah, T. (Writer) (2019). Ralph Northam’s Blackface Defence. The Daily Show with Trevor Noah. New York, NY: Comedy Central. Retrieved from Youtube on 13.02.2019, 12:50 https://www.youtube.com/watch?v=JDm1UJQuWuc

Powell, A. A., Branscombe, N. R., & Schmitt, M. T. (2005). Inequality as ingroup privilege or outgroup disadvantage: The impact of group focus on collective guilt and interracial attitudes. Personality and Social Psychology Bulletin, 31(4), 508-521.

Rosette, A. S., & Zhou Koval, C. (2018). Framing advantageous inequity with a focus on others: A catalyst for equity restoration. Journal of Experimental Social Psychology, 76, 283–289.