„Was sind Verschwörungstheorien und wieso glauben Menschen an sie“

„Was sind Verschwörungstheorien und wieso glauben Menschen an sie“

Autorin: Marina Schmidt

Was treibt Verschwörungstheorien an? Wieso strömen Menschen zu solch absurden Überzeugungen? Gesellschaftlich gesehen helfen Verschwörungstheorien dabei Feindbilder zu konstruieren, die dann wiederum zur Legitimation von Gewalt benutzt werden können. So spielten sie während des Nationalsozialismus und dem damit verbundenen Holocaust als auch beim Stalinismus eine zentrale Rolle. Im Internet finden sie derzeit rasante und unkontrollierte Verbreitung. Aber was treibt die Popularität solcher Theorien an?

Die Tatsache, dass Menschen bestimmte Bedürfnisse haben, die sie zu befriedigen suchen, ist mittlerweile allgemein bekannt. Wissenschaftler, die sich mit Verschwörungstheorien beschäftigen, schlagen drei Motivarten vor, die den Glauben an Verschwörungstheorien antreiben.

Epistemische Motive betreffen das Wissen, den Drang seine Umwelt verstehen zu wollen. Nach kausalen Erklärungen für Vorkommnisse zu suchen ist menschlich, nur so können wir ein – idealerweise akkurates und intern konsistentes – Verständnis von der Welt aufbauen. Verschwörungstheorien haben alle drei Besonderheiten gemeinsam. Meist handeln sie von geheimen Aktionen, die sich der öffentlichen Kontrolle entziehen und von multiplen Akteuren koordiniert werden, die Falschinformationen nutzen, um ihre Taten zu verbergen und die Öffentlichkeit zu täuschen; Versuche der Entlarvung werden selbst als Teil der Verschwörung deklariert. Das bedeutet alle Verschwörungstheorien sind spekulativ, komplex und gegen Falsifikation resistent. Vereinfacht gesagt liefern Verschwörungstheorien somit breite, intern konsistente Erklärungen, die es Menschen erlauben ihre Überzeugungen zu behalten und zu schützen selbst wenn sie mit Unsicherheit und Widersprüchlichkeit konfrontiert werden. Der Glaube an diese Theorien scheint auch dann stärker zu sein, wenn Ereignisse besonders groß oder bedeutend sind und Personen mit alltäglichen, eher unbedeutenden Begründungen unzufrieden zu sein scheinen. Oder wenn Menschen eine seelische Belastung als Ergebnis von Gefühlen der Unsicherheit erfahren.

Kausale Erklärungen bedienen aber auch existenzielle Motive. Diese beziehen sich auf das menschliche Grundbedürfnis sich in seiner Umwelt sicher fühlen und über diese Kontrolle zu haben und Einfluss ausüben zu können. Wenn diese Bedürfnisse bedroht werden (tatsächlich oder wahrgenommen), kann über den Glauben an Verschwörungstheorien eine stellvertretende Befriedigung der Bedürfnisse erreicht werden. Das offizielle Narrativ mit der Überzeugung man hätte eine alternative, sogar bessere Erklärung, abzulehnen, kann befähigend wirken. Untersuchungen zufolge wird der Glaube an Verschwörungstheorien verstärkt, wenn Menschen ängstlich sind und sich machtlos fühlen.

Nicht zuletzt treiben auch soziale Motive den Glauben an Verschwörungstheorien an. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Aufrechterhaltung eines positiven Selbstbildes ebenso wie eines positiven Bildes der Eigengruppe sind dabei grundlegend. Verschwörungstheorien haben das Potenzial das Selbst und die Eigengruppe aufzuwerten indem ermöglicht wird, dass die Verantwortung und Schuld für etwas Negatives Anderen zugeschoben werden. Die Eigengruppe ist moralisch und kompetent, nur eben durch böse Andere sabotiert.

Wenn Anhänger von Verschwörungstheorien aber doch so kritisch gegenüber Autoritäten und Institutionen sind, wieso glauben sie zeitgleich bereitwillig an größtenteils absurde Erklärungen? Scheinbar paradoxerweise haben neuere Untersuchungen herausgefunden, dass Verschwörungstheorien die Unterstützung des Status Quo verstärken. Dies passiert auf indirektem Wege: Es werden ungerechte Faktoren benannt, die Einfluss auf Menschen ausüben, aber diese Faktoren sind nicht systeminhärent, sondern die Verantwortung einer meist kleineren Gruppe böser Individuen, die nicht repräsentativ für die Gesellschaft als Ganzes ist.

Untersuchungen zu Verschwörungstheorien wurden allerdings hauptsächlich – wie so häufig – an Universitätsstudenten durchgeführt, die als Gruppe weder bedroht noch benachteiligt ist noch dazu neigt Verschwörungstheorien zu unterstützen. Für diese Probanden könnte eine Konfrontation mit Verschwörungstheorien eher zu Verunsicherung und Verwirrung führen und das sind auch nicht die Personen, für die Forscher eine adaptive Funktion der Verschwörungstheorien vorgeschlagen haben. Ob der Glaube an Verschwörungstheorien die Zufriedenheit steigert oder welche psychologischen Konsequenzen dieser allgemein hat, bleibt also abzuwarten.

 

Quellen:

Douglas, K. M., Sutton, R. M., & Cichocka, A. (2017). The psychology of conspiracy theories. Current directions in psychological science, 26(6), 538-542.

Jolley, D., Douglas, K. M., & Sutton, R. M. (2018). Blaming a few bad apples to save a threatened barrel: The system‐justifying function of conspiracy theories. Political Psychology, 39(2), 465-478.

Jost, J. T., & van der Toorn, J. (2011). System justification theory. Handbook of theories of social psychology, 2, 313-343.

Leman, P. J., & Cinnirella, M. (2013). Beliefs in conspiracy theories and the need for cognitive closure. Frontiers in psychology, 4, 378.

van Prooijen, J. W., & Jostmann, N. B. (2013). Belief in conspiracy theories: The influence of uncertainty and perceived morality. European Journal of Social Psychology, 43(1), 109-115.