Spürst du die Impfmatrix?

Spürst du die Impfmatrix?

Autorin: Marlene Ilg

Hat die Mondlandung tatsächlich stattgefunden? War der Tod von Lady Diana wirklich ein Unfall? Sind viele unserer Mitmenschen, vor allem berühmte Persönlichkeiten und einflussreiche PolitikerInnen, eigentlich Reptilienmenschen? Und wer steckt wirklich hinter den Anschlägen vom 11. September auf das World Trade Center? Jeder von uns kennt sie und hält die ein oder andere eventuell auch für plausibel – Verschwörungstheorien. Sie ziehen sich durch alle Kulturen und Zeitalter. Bereits im 14. Jahrhundert existierte beispielsweise die Theorie, Juden hätten die Pest verursacht, indem sie öffentliche Brunnen vergiftet hätten.

Verschwörungstheorien, oder auf Englisch Conspiracy Theories, liefern Erklärungen für wichtige Ereignisse. Dabei beziehen sie immer geheime Wendungen und mächtige, böswillige Gruppen mit ein. Grundlage für eine der aktuellsten Verschwörungstheorien liefert das Impfen. Die Zahl der ImpfgegnerInnen steigt seit einigen Jahren beharrlich an. Doch wie kommt es dazu, dass eine Maßnahme, die seit Ende des 19. Jahrhunderts praktiziert wird, auf einmal in diesem Maße angezweifelt wird, sodass man in Extremfällen von einer Verschwörungstheorie sprechen kann? Psychologisch gesehen gibt es verschiedene Motive, die zur Entwicklung von Verschwörungstheorien beitragen. In einem Artikel von 2017 beschreiben Douglas und KollegInnen drei verschiedene davon. Verschwörungstheorien liefern zum einen Erklärungen für bestimmte Ereignisse oder Sachverhalte. Dies befriedigt das Bedürfnis nach Wissen und Verständnis, das sogenannte epistemische Motiv. Medizinisches Fachwissen bezüglich der genauen Wirkmechanismen von Immunsystem und Viren besitzen die meisten Nicht-MedizinerInnen nicht. Ebenso ist die genaue Zusammensetzung von Impfstoffen den meisten Menschen unbekannt. Das zusammengenommen kreiert um das Impfen eine Art Black-Box: irgendetwas wird gespritzt, dann passiert dadurch irgendetwas im Körper und am Ende kommt irgendetwas dabei heraus. All das ist ein idealer Nährboden für Verschwörungstheorien. Die mildeste Interpretation von ImpfgegnerInnen ist, dass dieser Prozess unwirksam sei, ein Prozess, mit dem sich lediglich die Pharmaindustrie bereichern möchte. Extremere Interpretationen reichen dagegen von Körperverletzung über Gefährdung bis hin zu Bevölkerungskontrolle und Menschenexperimenten. ImpfgegnerInnen zweifeln allgemein auch den Zusammenhang zwischen Impfen und dem Ausrotten von Krankheiten, sowie das Konzept der Krankheitsübertragen von Viren an. Beispielsweise seien sämtliche Virusfotos der Welt unecht. Das epistemische Motiv tritt vor allem dann zum Vorschein, wenn „offizielle“ Informationen unvollständig oder widersprüchlich erscheinen. Laut eines Berichts von Meyer und KollegInnen ist die Anzahl an gestellten Anträgen auf Impfschäden in Deutschland seit Jahren rückläufig. ImpfgegnerInnen wurden dagegen meist selbst direkt oder indirekt mit Impfschäden konfrontiert und kennen weitere zahlreiche Fälle. Und genau hier beginnt der Kreislauf: die offiziellen Informationen widersprechen dem eigenen Empfinden, man zweifelt, sucht sich Informationen jenseits der offiziellen Nachrichten von WHO und Hausärzten und kommt somit auf Seiten und Internetforen, in denen sich andere Betroffene austauschen, wodurch die Berichte von rückläufigen Anträgen auf Impfschäden nur noch lächerlicher und gefälschter anmuten. Dadurch bedient die Verschwörungstheorie ein weiteres menschliches Motiv: Das Bedürfnis nach Sicherheit, auch existentielles Motiv genannt. ImpfgegnerInnen haben Angst vor Impfschäden für sich und ihre Familien. Sie argumentieren, dass Impfen niemals nütze, sondern im besten Fall nicht schade. Auf der Seite Impfen-nein-Danke.de gehen die Autoren sogar soweit zusagen, dass Impfen allgemein unsozial sei, da Geimpfte von der besseren Gesundheit der Ungeimpften profitieren würden. Ungeimpfte Kinder würden gesünder leben, Impfen sei dagegen reiner Aberglaube ohne wissenschaftliche Rechtfertigung. Als drittes führen Douglas und KollegInnen das soziale Motiv an. Der gemeinsame Glaube an eine Verschwörungstheorie steigert die Identifikation mit den anderen Angehörigen. Man fühlt sich einer Gruppe zugehörig und möchte das positive Bild dieser Ingroup wahren. Schon beim Eingangstext der Seite Impfen-nein-Danke unter der Rubrik „Spürst du die Impf-Matirx“ wird das Bedürfnis nach Gruppenzusammengehörigkeit sichtbar. Die Lesenden werden gefragt, ob sie nicht auch schon ihr Leben lang das Gefühl hätten, dass mit dem Impfen etwas nicht stimme, dass es ein Geheimnis gäbe. Und weiter: „Spürst Du auch, daß Du in dieser Gruppe endlich zu Hause angekommen bist und Deine Seele es die ganze Zeit wußte?“ Die starke Identifizierung mit der Gruppe kommt außerdem allein schon durch die Bezeichnung der Outgroup zum Ausdruck. Alle die Impfen sind „Impfgläubiger“.

Das Paradoxe an der ganzen Sache: Verschwörungstheorien befriedigen die genannten Motive meist nicht. Mehr noch, sie können der Befriedigung dieser sogar im Weg stehen! So ist das Nicht-Impfen gefährlicher als die Risiken einer Impfung. Durch das Unterlassen von Impfungen breiten sich momentan nahezu ausgerottete Krankheiten wie zum Beispiel Masern wieder vermehrt aus. Die WHO hat ImpfgegnerInnen mittlerweile als globale Bedrohung eingestuft. Die Angst die Gesundheit vom Familie und Kindern zu gefährden, die dazu veranlasst nicht zu Impfen, bewirkt eben diese Gefährdung. Ebenso verhält es sich mit dem sozialen Motiv. ImpfgegnerInnen finden in Gleichgesinnten zwar eine soziale Gruppe, distanzieren sich jedoch häufig von „Impfgläubigen“ in ihrem Umfeld. Die Schlussfolgerungen, die ImpfgegnerInnen aus eigenen Erfahrungen und Recherchen ziehen, sind nachvollziehbar – aber dennoch falsch. Es handelt sich beispielsweise um statistische Überschätzungen oder eben um Verschwörungstheorien.

Natürlich ist nicht jeder/jede ImpfgegnerIn gleichzeitig VerschwörungstheoretikerIn. Das Impfen zu hinterfragen, sich zu informieren und nach Aufklärung verlangen ist gut, denn zweifeln und Sachverhalte hinterfragen erweitert unseren kognitiven Ideenraum. Problematisch wird es dann, wenn dieser Ideenraum nicht mehr erweitert, sondern nur noch in eine Richtung weiter verfolgt wird, sich zuspitzt und immer extremer wird. Dann bewegt man sich weg vom normalen, gesunden Zweifel und verstrickt sich mitunter in immer dichteren und absurderen Theorien – Verschwörungstheorien.

 

Quellen:

Douglas, K., Sutton, R., & Cichocka, A. (2017). The psychology of conspiracy theories. Current Directions In Psychological Science, 26, 538-542.

Quarks & Co: Wahn oder Wahrheit - Verschwörungstheorien | WDR (YouTube 27.09.16, gesehen 02.02.19)

Verschwörungstheorien – Leben im Wahn (ZDFinfo) (YouTube, 11.12.15, gesehen 02.02.19)

Meyer, C., Rasch, G., Keller-Stanislawski, B., & Schnitzler, N. (2002). Anerkannte Impfschäden in der BundesrepublikDeutschland 1990–1999, (4), 364–370.

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Verschw%C3%B6rungstheorien (06.02.19)

https://www.impfen-info.de/ (06.02.19)

https://de.wikipedia.org/wiki/Impfung (06.02.19)

https://www.who.int/emergencies/ten-threats-to-global-health-in-2019 (06.02.19)

https://www.impfen-nein-danke.de/ (06.02.19)