Wie klingt Fähigkeit? Über Dialekte, Vorurteile und Mehrsprachigkeit

Wie klingt Fähigkeit? Über Dialekte, Vorurteile und Mehrsprachigkeit

Autorin: Katharina Pelm

Tach, Moin, Guude oder Griaß God - in Deutschland begrüßt man sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise, je nachdem, wo genau man sich gerade befindet. Drei von fünf Deutschen, somit etwas mehr als die Hälfte der Bundesrepublik, sprechen einen Dialekt, also eine Abwandlung der deutschen Sprache, die auf eine Region begrenzt ist. Schön und gut, sollte man meinen, denn gesprochener Dialekt wirkt nach Umfragen durch die Universität Salzburg sympathischer als „Hochdeutsch“. Allerdings förderte eben jene Umfrage auch das Ergebnis zu Tage, dass Dialekt Sprechende als ungebildeter und weniger intelligent eingeschätzt werden. Aber wie kann das sein? 

Mögliche Erklärungen liefert die Sozialpsychologie. Eine Studie der Universität in Chicago hat sich mit dem Thema befasst und die Vermutung aufgestellt, dass ein Dialekt bestimmte Signale sendet, nämlich dass eine Person zu einer fremden Gruppe gehört. Die Theorie der Eigen- und Fremdgruppen geht davon aus, dass Menschen sich gerne zugehörig fühlen. Nehme man also an, eine Person fühle sich als „Bayer“ (das wäre somit ihre Eigengruppe), dann würde sich diese Person höchstwahrscheinlich auch mit anderen „typisch bayrischen“ Eigenschaften identifizieren. Trifft sie nun jedoch auf jemanden der zum Beispiel aus Sachsen kommt und den dortigen Dialekt spricht (und somit zu einer Fremdgruppe gehört), wird sie den sprachlichen Unterschied möglicherweise als extrem groß empfinden und tendenziell auch abwerten. Dies, so die Forschenden aus Chicago, könnte unter anderem daran liegen, dass der andere Dialekt aufgrund der Unbekanntheit schwieriger zu verstehen ist. Selbst als während der Untersuchungen in Chicago die Teilnehmenden von den Forschenden auf diese Tendenz aufmerksam gemacht wurden, gelang es ihnen nur bei Personen mit sehr leichten Akzenten den Effekt außer Acht zu lassen und unabhängige Bewertungen abzugeben. 

Doch nicht nur Hochdeutsch wird als das Ideal angesehen, auch gibt es Unterschiede in der Beliebtheit verschiedener deutscher Dialekte. So hat zum Beispiel Sächsisch einen eher schlechten Ruf, während Bayrisch jedoch gemeinhin sehr gemocht wird. Dies habe allerdings ausschließlich soziale Gründe, meinen Forschende der Universität Mannheim. Zum Beispiel werden noch heute in Filmen über die DDR Grenzpolizisten (also Personen die man tendenziell eher als negativ empfindet) häufig mit sächsischem Dialekt dargestellt. Zwischen der Fähigkeit, die hochdeutsche Sprache zu sprechen und zu schreiben, sowie dem tatsächlichen Klang des gesprochenen Deutsch, gebe es jedoch keinen Zusammenhang. Um es einfach auszudrücken: Nur weil jemand einen Dialekt spricht, bedeutet das nicht, dass er der hochdeutschen Sprache nicht mächtig ist. Somit sollten diese Personen auch nicht zwangsläufig ungebildeter sein.

Natürlich ist es auch nicht nur die Sprache allein, die einen Eindruck über eine Person hinterlässt - der erste Eindruck ist immer ein Gesamtpaket. Doch wie wichtig ist die Sprache dafür? Eine Studie der Friedrich-Schiller-Universität Jena untersuchte sowohl die Einschätzung von Personen mit Dialekt hinsichtlich ihrer Bildung, als auch hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit von den Teilnehmenden „eine Arbeitsstelle zu bekommen“. Auch hier fanden sich trotz allem Hinweise darauf, dass Personen mit Dialekt ungebildeter wirken. Außerdem haben die Versuchspersonen, die zumindest zu einem großen Teil keinen der untersuchten Dialekte selbst gesprochen haben und so theoretisch unvoreingenommen bewerteten, diesen Personen mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit Arbeitsstellen zugeteilt. Dies galt jedoch erstaunlicherweise nicht für den bayrischen Dialekt - dieser wurde ähnlich positiv bewertet wie Hochdeutsch. Dies könne daran liegen, dass Bayern allgemein als wirtschaftlich starke und vermögende Region bekannt und somit schlussfolglich im Arbeitskontext als positiv angesehen wird, so die Forschenden. Jedoch betonen sie ebenfalls, dass in der Forschung häufig außer Acht gelassen wird, ob ein Dialekt in regional arbeitenden Betrieben nicht von Vorteil sein könnte. Dies müssten zukünftige wissenschaftliche Arbeiten noch thematisieren.

Bringt ein Dialekt also möglicherweise nicht nur Nachteile mit sich? Keinesfalls, glauben einige Experten.

Dass Mehrsprachigkeit seine Vorteile hat ist mittlerweile bekannt. Das Wechseln zwischen zwei Sprachen trainiert das Gehirn, das Erinnerungsvermögen und die Aufmerksamkeit. Dies kann so weit gehen, dass mehrsprachige Personen sich nach einem Schlaganfall vielleicht sogar schneller erholen, und dass eine sich entwickelnde Demenz, also der Zerfall der Gehirnstrukturen im Alter, langsamer voranschreitet.

Aber hilft es auch „nur“ einen Dialekt zu sprechen? Wie es scheint, macht das Gehirn darin keine großen Unterschiede. An der Universität in Cyprus wurde eine Studie zum Arbeitsgedächtnis durchgeführt, also dem Teil des Gehirns, der dafür zuständig ist, Dinge kurzfristig zu erinnern und sie durch Denken zu verändern. Eine typische Aufgabe um die Fähigkeiten des Arbeitsgedächtnisses zu untersuchen wäre Zahlenreihen wie 7-4-9-2 erinnern zu lassen, jedoch in der umgekehrten Reihenfolge, also 2-9-4-7, wiedergeben zu lassen, wodurch die Information somit erst noch einmal im Kopf verändert werden muss. Bei solchen Aufgaben waren Teilnehmende der griechischen Studie besser, wenn sie einen Dialekt oder mehrere Sprachen sprechen konnten. Es gibt also Hinweise darauf, dass auch das Sprechen eines Dialekts das Denken flexibler macht. Schweizer Forschende sind einer ähnlichen Meinung: Dialekte machen es auch dem Teil des Gehirns, der für Sprachen zuständig ist, leichter, neue Sprachen zu erlernen und fremde Dialekte zu verstehen.

Trotz allem habe sich die Forschung bisher nur auf einen kleinen Teil von Mehrsprachigkeit und Dialekten konzentriert, bemängeln Forschende aus Cambridge. Sie wollen daher in einer gemeinsamen Studie mit Wissenschaftlern der Universität in Brüssel genauer herausfinden, ob diese beiden Eigenschaften es Menschen möglicherweise auch leichter machen, nicht angesprochene Hinweise, die in Gesprächen trotzdem ausgetauscht werden (wie zum Beispiel die Absichten des Gegenübers), einfacher zu erkennen. Zwar wurden bereits erste Hinweise darauf gefunden, dass diese sogenannten „implizierten Bedeutungen“ durch solche Eigenschaften leichter erkannt werden, dennoch wollen die Forschenden der Vermutung noch genauer auf den Grund gehen.

Es bleibt wohl weiterhin abzuwarten, welche Vor- und Nachteile das Sprechen eines Dialekts nun wirklich hat oder nicht. Tatsache ist wohl, dass das Problem der Verständlichkeit möglicherweise, gerade im Arbeitskontext, ein Nachteil sein könnte, und man sich dessen bewusst sein sollte. Jedoch hat die Forschung schon einige Hinweise auf große Vorteile von Dialekten gefunden, da sie unser Gehirn zu trainieren scheinen und das Erlernen neuer Sprachen möglicherweise auf eine ähnliche Art erleichtern wie eine Mehrsprachigkeit. Sich seinen Wurzeln verbunden zu fühlen, obwohl man dadurch vielleicht auf andere Menschen ein wenig ungewöhnlich wirkt, scheint also in manchen Punkten auch ganz in Ordnung zu sein.

 

Quellen:

Lev-Ari, S., & Keysar, B. (2010). Why don’t we believe non-native speakers? The influence  of accent on credibility. Journal of Experimental Social Psychology, 46, 1093– 1096.

Rakić, T., Steffens, M. C., & Mummendey, A. (2011). When it matters how you pronouce it: The influence of regional accents on job interview outcome. British Journal of Psychology, 102, 868-883.

The conversation: Speaking dialects trains the brain in the same way as bilingualism. http://theconversation.com/speaking-dialects-trains-the-brain-in-the-same-way-asbilingualism-59022, zuletzt aufgerufen am 13.01.2019

Spiegel Online: Image von Dialekten. Freindlich simma! Aber deppert?
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/image-von-dialekten-mia-san-nett-aber-depperta-1030038.html, zuletzt aufgerufen am 13.01.19