Lernförderliche Foliengestaltung

Gelesen ist nicht gelernt…

Wenn Sie wirklich lernen wollen, wie Sie Folien so gestalten, dass die Studierenden gern zuhören und durch sie effektiv etwas lernen, besuchen Sie unseren Kurzworkshop zum Thema "Mehr Lernerfolg durch bessere Foliengestaltung". Wenn er aktuell nicht im Angebot ist, können Sie sich hier dafür vormerken.

Zwölf Prinzipien für die lernförderliche Gestaltung von Folien

  1. Passende Bilder erhöhen die Lernwahrscheinlichkeit im Vergleich mit Textfolien, unpassende senken sie
  2. Geschriebener Text „verdrängt“ gesprochenen Text: Inhalte auf Folien nicht ausformulieren
  3. Beschriftungen nahe an Grafiken heran
  4. Grafiken und Animationen besser mündlich als mit Textbeigabe auf Folien erklären
  5. Schwarze Folien einfügen oder Bildschirm ausschalten, wenn der Folieninhalt gerade nicht relevant ist
  6. Inhalte reduzieren – sollte innerhalb weniger Sekunden erfasst werden können
  7. Maximal vier Hauptpunkte; Unterpunkte klar grafisch absetzen
  8. Große Schrift (Schriftgröße mind. 16, besser 18)
  9. Serifenlose Schrift (wie Arial)
  10. Klare Kontraste (kein rot-grün, rot-gelb)
  11. Aufbau variieren – unterschiedliche ‚Bilder’ erhöhen Merkwahr-scheinlichkeit (nicht nur Bulletpoint-Listen)
  12. Animationen nur, wenn sie wirklich sinnvoll sind!

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Warum sollten Sie das beachten?

Hinter diesen Empfehlungen stehen einige gut belegte Erkenntnisse und Theorien aus der psychologischen Forschung:

Dual Coding Theory: Informationen können unabhängig voneinander sowohl visuell als auch verbal im Gedächtnis gespeichert werden. Eine Codierung in beiden Kanälen erhöht die Wahrscheinlichkeit einer langfristigen Speicherung (Clark & Paivio, 1991).

Daraus folgt: Da der Inhalt durch Ihre Erklärungen schon verbal transportiert wird, nutzen Sie Ihre Folien, um auch den visuellen Kanal zu 'füttern', um dadurch das Behalten leichter zu machen.

Picture Superiority Effect: Bilder werden leichter erinnert als Text (Hockley 2008).

Daraus folgt: Bilder aus Folien dürfen nicht nur dekorativ sein – suchen Sie Abbildungen und Grafiken aus, die den Inhalt unterstreichen, sonst merken sich die Studierenden nur die Bilder (betrifft übrigens auch Anekdoten und Witze).

Baddeleys Arbeitsgedächtnismodell: Das Kurzzeitgedächtnis unterteilt sich in mehrere parallel funktionierende Gedächtnissysteme (Baddeley, 2010):

a) Phonologische Schleife: Die Verarbeitung von geschriebenem Text ist für das Gedächtnis aufwändiger als von gesprochenem Text, braucht also mehr Aufmerksamkeit. Wenn Sie also (viel Text) auf einer Folie haben und gleichzeitig etwas sagen, das vom geschriebenen Text abweicht, werden Ihre ZuhörerInnen sich unwillkürlich eher auf den geschriebenen Text konzentrieren.

Daraus folgt: Reduzieren Sie den Text auf Ihren Folien, damit Ihnen aufmerksam zugehört wird. Unterstützen Sie die Studierenden beim Verarbeiten der Inhalte stattdessen durch passende Abbildungen. Wenn es nötig ist, dass Sie einen längeren Text auf eine Folie schreiben, lesen Sie ihn wortwörtlich vor oder lassen Sie die Studierenden allein lesen.

b) Visuell-räumlicher Notizblock: Es fällt leicht, sich zu merken, wo eine Information sich befindet.

Daraus folgt: Bauen Sie Folien nicht gleichförmig auf (nicht nur Bulletpoint-Listen), sondern wechseln Sie die Darstellungsart.

Aufmerksamkeitskapazität: Bevor Informationen im Langzeitgedächtnis abgespeichert werden können, müssen sie zunächst ins Kurzzeitgedächtnis. Dort können gleichzeitig maximal 4-7 "Chunks" (s. unten) für max. 30 Sekunden gespeichert werden (während im Langzeitgedächtnis potentiell unendlich viele Informationen für unendlich lange Zeit aufbewahrt werden können). Die Bedingung für die Aufnahme von Informationen ins Kurzzeitgedächtnis ist Aufmerksamkeit; die für die Aufnahme ins Langzeitgedächtnis elaborierte Verarbeitung – wie lange die Informationen schließlich dort bleiben, hängt von der Tiefe der Verarbeitung ab (Mehrspeichermodell von Atkinson & Shiffrin, 1968; Cowan, Nelson et al., 2005).

Daraus folgt: Gestalten Sie Ihre Folien nicht gleichförmig, damit es leichter ist, aufmerksam zu bleiben, und reduzieren Sie die Informationen auf das Nötigste, um das Kurzzeitgedächtnis nicht zu überfordern. Geben Sie Gelegenheit, Inhalte zu verarbeiten, um eine langfristige Speicherung zu erleichtern.

Chunking: Chunks sind Informationseinheiten. Das Kurzzeitgedächtnis kann max. 3–7 Chunks gleichzeitig speichern (Cowan, 2010), weshalb die wenigsten Menschen sich einfach so eine Telefonnummer merken können wie bspw. 0634128038430 (die unseres Büros). Einfacher wird es, wenn man sie in sinnvolle Einheiten zerlegt, wie 06341 – 280 – 38 – 430. Vor allem, wenn man ohnehin weiß, dass 06341 die Vorwahl von Landau und 280 die interne Vorwahl der Universität ist, ist es nicht schwer, sich die restlichen Zahlen zu merken. Die Chunks sind zudem umso leichter merkbar, je unterscheidbarer sie voneinander sind,

Daraus folgt: Folien sollten idealerweise nicht mehr als vier Bulletpoints, Aussagen, Kästchen oder Abbildungen enthalten – je fokussierter und weniger, desto leichter fällt es den ZuhörerInnen, die Inhalte zu verarbeiten. Erläutern Sie lieber mündlich als alles auf der Folie auszuführen.

Cognitive Load Theory: Das Gehirn kann nur eine bestimmte Menge von Informationen gleichzeitig verarbeiten (Sweller, 2005).

Daraus folgt: Reduzieren Sie mögliche Ablenkungen vom Inhalt wie unnötige Schriftwechsel, schnörkelige Schriften, mehr als zwei oder drei Schriftgrößen und -farben, nur dekorative Abbildungen (ohne klar erkennbaren Inhaltsbezug) oder selbstverständliche Informationen wie Universitäts- und Lehrveranstaltungsname (sollten die Studierenden kennen).

Literatur:

Baddeley, A. (2010). Working memory. Current Biology20(4), 136–140.

Clark, J. M., & Paivio, A. (1991). Dual coding theory and education. Educational Psychology Review3(3), 149–210.

Cowan, N. (2010). The Magical Mystery Four: How is Working Memory Capacity Limited, and Why? Current directions in psychological science19(1), 51–57.

Cowan, N. et al. (2005): On the Capacity of Attention: Its Estimation and Its Role in Working Memory and Cognitive Aptitudes. Cognitive Psychology 51 (1), 42–100.

Franck, N. & Stary, J. (2006): Gekonnt visualisieren. Medien wirksam einsetzen. Paderborn: Schöningh.

Gluck, M. A., Mercado, E. & Myers, C. E. (2010): Lernen und Gedächtnis. Vom Gehirn zum Verhalten. Heidelberg: Spektrum.

Hockley, W. E. (2008): The picture superiority effect in associative recognition. Memory & Cognition 36 (7), 1351-1359.

Niegemann, H. M. et al. (2008): Kompendium multimediales Lernen. Berlin, Heidelberg: Springer.

Paas, F., & Sweller, J. (2014). Implications of cognitive load theory for multimedia learning. In R. E. Mayer (Hrsg.), The Cambridge Handbook of Multimedia Learning (2. Aufl., S. 27–42). Cambridge: Cambridge University Press.

Tulving, E., & Craik, F. I. M. (Hrsg.). (2005). The Oxford Handbook of Memory. Oxford, New York: Oxford University Press.

 

Dr. Ina Mittelstädt & Kathrin Schmidt