Kognitive Linguistik und Wortschatzerwerb

Wortschatzeinführungen über lexikalische Prototypen –
Eine kognitiv-linguistische Studie im Englischunterricht der 10. Klasse


Promovend:
Andreas Wirag
Betreuerin: JProf. Dr. Constanze Juchem-Grundmann

Das Dissertationsprojekt untersucht einen innovativen Ansatz der Wortschatzeinführung, der Befunde einer kognitiv-linguistisch orientierten Vokabelerwerbsforschung in den Englischunterricht der zehnten Klassen am Gymnasium überträgt (McKeown 1991, 1993, Verspoor/Wander 2003, Boers/Lindstromberg 2008, Xia 2014). Das Projekt nimmt auf Grundlage bestehender empirischen Belege an, dass eine auf lexikalischen Prototypen (d.h. typischen Wortsinnvertretern) beruhende Wortschatzeinführung sich gegenüber Vokabelerklärungen, die auf konventionellen Wörterbuchdefinitionen basieren, als lerneffizienter erweist. Zentrale Wortsinnvertreter, so die Leithypothese, evozieren den intendierten Wortsinn der Lernvokabel für den Lerner vollständiger als eine fragmentierte, auf einzelnen Bedeutungskomponenten beruhende Wortsinnerklärung, da diese als Repräsentationen der default-Bedeutung einer Lernvokabel verstanden werden können (Taylor 2008). Gemäß der gegenläufigen Nullhypothese könnten Wörterbuchdefinition oder periphere Wortsinnvertreter (aufgrund erhöhter Salienz) sich jedoch ebenso mnemotechnisch gleichwertig oder sogar überlegen erweisen.

Man vergleiche, zur Veranschaulichung der Annahmen, eine Wortschatzeinführung der Lernvokabel REVENGE (Camden Town Gymnasium; Claussen 2011: 147) auf Grundlage einer klassischen Wörterbuchdefinition (Oxford Advanced Learner’s Dictionary) sowie anhand eines prototypischen Wortsinnvertreters.

  • REVENGE is something that you do in order to make s.b. suffer because they have made you suffer. (Oxford 2015: 1327)
  • Imagine your boyfriend (or girlfriend) is cheating on you; REVENGE is the strong desire you feel that you want to pay him back the injury.

Die skizzierte Leithypothese (bzw. Nullhypothese) wird mithilfe eines Posttest-Only-Kontrollgruppen-Designs empirisch untersucht, das eine Kontroll- sowie zwei Experimentalbedingungen vorsieht – eine klassische Wortschatzeinführung über Wörterbuchdefinitionen (KG), über prototypische Wortsinnvertreter (EG I), sowie über periphere Vertreter (EG II). Um die ökologische Validität der Untersuchung zu gewährleisten, sind die genannten Semantisierungsbedingungen in den Rahmen einer gängigen Wortschatzübung der 10. Klasse eingebettet, einem sgn. vocabulary concept mapping (Novak/Cañas 2006). In dieser Lernmethode sind die Schüler angehalten, einen Anzahl ihnen unbekannter Lernwörter (auf Kärtchen gedruckt) unter Benutzung eines einsprachigen Wörterbuchs zu erschließen (Wortschatzeinführung), wonach die Wörter in thematischen Gruppen angeordnet (Festigung) und anschließend präsentiert werden (Sicherung). Aufgrund des Interventionsdesigns, das auf individuellen Arbeitsblättern beruht und in Einzelarbeit durchgeführt werden kann, erfolgt eine volle Randomisierung der Teilnehmer bei Beibehaltung der ökologischen Validität der Untersuchung.

Die 10. Klasse bietet sich für die genannte Untersuchung in besonderer Weise an, da der Lehrplan des Landes Rheinland-Pfalz die zunehmend eigenständige Nutzung des einsprachigen Wörterbuchs im Rahmen von Wortschatzübungen in Hinblick auf das Abitur vorsieht (Ministerium 2000: 97). Darüber hinaus verfügen die Schüler der zehnten Klassen über einen breiten Basiswortschatz, der die Gestaltung differenzierte Semantisierungsphrasen in den genannten Bedingungen erlaubt. Grundsätzlich sind die Ergebnisse des Projekts jedoch dabei aufgrund seiner grundlegenden Annahmen über den Vokabelerwerb m. E. in gleicher Weise auf andere Klassenstufen sowie Wortschatzeinführungsformate übertragbar.

Die im Rahmen des vocabulary concept mapping eingeführten 15-20 Zielvokabeln werden im Anschluss an die Sicherungsphase über ein in der Vokabeltestung etabliertes Instrument im word associates format geprüft, das Rückschlüsse auf die erworbene Verständnistiefe der einzelnen Lernwörter erlaubt (Read 1993, 1998; validiert durch Qian/Schedl 2004 sowie Schmitt et al. 2011). Neben einem Posttest im Anschluss an die Intervention sieht die Studie einen Follow-Up-Test im Abstand von zwei Monaten vor, die eine langfristige Speicherung (und Nutzbarkeit) der Lernvokabeln überprüft.

Als psychometrische Kovariate, die Varianz erklären oder die Ergebnisse moderieren könnten, werden (i) fachspezifische Motivation (Jerusalem et al. 2009), (ii) allgemein verbale Intelligenz (CFT 20-R Teilskala Wortschatztest; Weiß 2006), sowie (iii) die Größe des englischen Gesamtwortschatz (Nation/Beglar 2007) erhoben.

 

Bibliographie

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