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Lebensform und Handeln. Normative Dimensionen der Kulturphilosophie

Der Kulturbegriff erfüllt vielfältige Aufgaben und steht im Dienst unterschiedlicher Interessen und Funktionen. Beispielsweise unterscheidet sich die gesellschaftliche Debatte um die Kultur als Prinzip von Einheit oder aber auch als Prinzip von Differenz sozialer Ordnung von der politischen Debatte um die Kultur als Teil oder als Fundament des staatlichen Aufbaus. Davon unabhängig sind wiederum kulturwissenschaftliche Kulturbegriffe, die ein Untersuchungsterrain markieren, in dem die unterschiedlichen symbolischen Ordnungen der menschlichen Weltgestaltung verständlich werden. Sprache, Kunst, Recht, Wirtschaft, Religion oder auch Wissenschaft können als solche symbolische Ordnungen verstanden und analysiert werden. 
Eine Differenz jedoch kann über die einzelnen Debatten hinweg als entscheidend angesehen werden: Der Kulturbegriff fungiert zum einen als Medium der menschlichen Selbstgestaltung (menschliches Leben realisiert sich in der Kultur als Welt des Menschen), zum anderen jedoch auch als Gerüst, das dieser Selbstgestaltung Struktur und Halt verleiht. Nicht nur im Medium der Kultur realisiert sich die Lebensform des Menschen, auch nur mit Blick auf die Kultur kann die Selbstgestaltung gelingen. Das Forschungsvorhaben geht dieser Ambiguität nach, um den systematischen Rahmen einer Kulturphilosophie zu etablieren, in dem beide Aspekte diskutierbar werden.
Den Ausgangspunkt des Forschungsvorhabens bildet eine Diagnose, die man als Krisis der Kulturphilosophie bezeichnen und in Anlehnung an den Husserlschen Begriff der Krisis verstehen kann (Husserl, Krisis der europäischen Wissenschaften, 1936/1976). Vor dem Hintergrund des Befunds Husserls, der mit Blick auf die Entwicklung der naturwissenschaftlichen Methoden seit der Neuzeit darauf aufmerksam macht, dass die wissenschaftliche Methode an die Stelle des Untersuchungsgegenstands tritt und die sinnstiftende Bedeutung des Gegenstandes verloren zu gehen droht, lässt sich mit Blick auf die Entwicklung der Kulturphilosophie im 20. Jahrhundert fragen, ob nicht auch hier die Gefahr gegeben ist, dass die Methode (der kulturphilosophischen und kulturwissenschaftlichen Analytik) an die Stelle der kulturellen Erfahrung tritt. Denn die Etablierung der kulturphilosophischen Reflexion im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert vollzieht sich u. a. vor dem Hintergrund der Ausdifferenzierung einer als Einheit angenommenen Kultur in Subsysteme (Wirtschaft, Wissenschaft, Religion, Recht etc.), die beispielsweise von Cassirer als symbolische Formen oder von Luhmann als Systeme diskutiert werden. Historische Genese und Entwicklung lassen diese Systeme bzw. Formen verständlich werden und können formal auf ihre jeweiligen Grammatiken hin ausgelegt und diskutiert werden. Kultur erscheint dann als ein historisch gesättigtes Formsystem von Regeln.
Die sich in dieser Tradition ausbildende Kulturphilosophie stellt sich sowohl der historischen Dimension der Kultur als auch dem Befund der Pluralität von Kulturen. Bezeichnend jedoch ist, dass diejenige Dimension der Kultur, die mit Blick auf eine gelingende Lebensführung relevant ist, in den Hintergrund eines derart ausgerichteten Ansatzes tritt. Wenn aber Kultur nicht nur als der Horizont verstanden wird, in dem sich die menschliche Lebensform realisiert, sondern auch als das Gerüst, das dieser Realisierung Struktur und Halt verleiht, so ist zu fragen, wie weit die Erklärungskraft einer formalen Kulturanalytik reicht und ob nicht alternative Zugänge möglich und nötig sind, die der kulturellen Erfahrung selbst Rechnung tragen. In diesem Sinne fragt das Projekt nach den Grenzen einer formalen Kulturanalytik und versucht Bausteine für eine Kulturphilosophie zu legen, die material ausgerichtet ist und der Normativität der Kultur als Gerüst der menschlichen Selbstgestaltung Rechnung trägt. 


Methodischer/systematischer Hintergrund

Das Forschungsvorhaben ist historisch und systematisch in dem Sinne ausgerichtet, dass in einem ersten Schritt exemplarisch die Konstanten der kulturphilosophischen Reflexion und Systematik herausgestellt werden, wie sie sich in der Philosophie des 20. Jahrhunderts (Simmel, Cassirer, Rothacker etc.) zeigen. Vor diesem Hintergrund entwickelt sich eine systematische Diskussion, die an Wittgensteins Analysen anschließt, um mit den Mitteln der begrifflichen Analyse eines lebensformgebundenen Regelbegriffs zu neuen Erkenntnissen für die Kulturphilosophie zu gelangen. 
Mit Blick auf Wittgenstein lassen sich mindestens drei Diskussionskreise unterscheiden, die aufeinander verweisen und eine kulturphilosophische Ausformulierung seines Ansatzes ermöglichen und fordern. Erstens: Wittgensteins Distanz bewahrende, somit kritische wie produktive Aneignung Spenglers, die in den Vermischten Bemerkungen erkennbar ist, und seine Auseinandersetzung mit Frazer in den Bemerkungen über Frazers Golden Bough, in denen die Konzepte der Familienähnlichkeit, der übersichtlichen Darstellung sowie der Suche nach Zwischengliedern als Konzepte des Kulturverstehens präsentiert werden. Diese kulturhermeneutischen Werkzeuge finden unmittelbar Eingang die in die sprachphilosophische Analytik der Philosophischen Untersuchungen. Zweitens: Wittgensteins Ausarbeitung einer Gebrauchstheorie der Bedeutung im Kontext einer Analyse von Sprachspielen und eingebettet in eine Phänomenologie von Lebensformen in den Philosophischen Untersuchungen, die nicht einfach nur auf die praktische und soziale Verankerung der Sprache aufmerksam machen, sondern insbesondere auf die notwendig kulturelle Form dieser Sozialität in Institutionen und Gebräuchen. Drittens: Wittgensteins Differenzierung von Wissen und Gewissheit in der Auseinandersetzung mit den Überlegungen zum Common Sense George Edward Moores, die als Ansatz einer hermeneutischen Archäologie der Kultur in praktischer Hinsicht verstanden werden können. 
Durch all diese Überlegungen zieht sich ein roter Faden, den Wittgenstein immer wieder aufgreift und neu knüpft. Er besteht einerseits aus einer methodischen Warnung und andererseits der Kritik eines Vorurteils. Kultur als Medium und Gerüst der menschlichen Orientierung, so seine Warnung, fällt nicht mit den kulturellen Vorkommnissen zusammen. Gesucht wird vielmehr eine andere Arithmetik (Wittgenstein, Über Gewissheit § 375) der Beschreibung von Kultur, die nicht auf die einfache Arithmetik der Erklärung von kulturellen Vorkommnissen reduziert werden kann. Diese Warnung darf durchaus auch transzendentalphilosophisch verstanden werden, wenngleich die Bedingung der Möglichkeit der Kultur, nicht im Wissen, sondern an anderer Stelle zu suchen ist, worauf Wittgensteins Kritik eines stets und in wechselnden Gestalten wiederkehrenden Vorurteils hinweist. Dieses liegt darin begründet, dass Kultur nicht auf Meinungen über die Kultur zurückzuführen ist, auch nicht auf die Meinungen der Mitglieder der Kultur selbst. Denn das Medium der Kultur ist die Praxis. Insbesondere in seiner letzten Schaffensphase ist es das Ziel Wittgensteins, diese Praxis vermittels des Begriffs der Gewissheit zur Sprache zu bringen. 


Ziele

Das Forschungsvorhaben verfolgt historische, gegenwartsdiagnostische und systematische Ziele. Historisch soll ein vertieftes Verständnis der Entwicklung der Kulturphilosophie des 20. Jahrhunderts dazu beitragen, die Grenzen eines formalen Kulturbegriffs zu erkennen. Gegenwartsdiagnostisch leistet das Forschungsvorhaben einen Beitrag für die aktuellen politischen und öffentlichen Diskussionen, indem die Ambiguität des Kulturbegriffs herausgestellt und problematisiert wird. In diesem Sinne lässt sich auch ein besseres Verständnis der Diskussionen erzielen, die sich beispielsweise an dem von Bassam Tibi in die Diskussion eingebrachten Begriff der Leitkultur entzündeten. Schließlich liegt das Hauptgewicht des Vorhabens auf der systematischen Grundlegung einer kulturphilosophischen Konzeption, die der diagnostizierten Krisis der Kulturphilosophie zu begegnen vermag. 


Literatur

  • C. Bermes: Anschluss verpasst? Husserls Phänomenologie und die Systemtheorie Luhmanns, in: Dieter Lohmar, Dirk Fonfara (Hg.): Interdisziplinäre Perspektiven der Phänomenologie, Dordrecht 2006, S. 18-37.
  • C. Bermes: Die Grenzen des Wissens und die Bedeutung des Lebens. Wittgensteins Überlegungen in Über Gewissheit im Kontext der Anthropologie und Kulturphilosophie, in: Ralf Konersmann (Hg.), Leben denken – Kultur denken, Freiburg i. Br. 2007, S. 250-270.
  • C. Bermes: Die Gewissheit der Kultur und die Tatsache des Textes, in: Textualität. Methoden und Probleme der Kulturphilosophie, hrsg. v. C. Bermes, Würzburg 2009, S. 105-122.
  • C. Bermes: Struktur als Prinzip und Tatsache. Zur Methodologie der Kulturwissenschaften, in: B. Seidenfuß (Hg.): Whitehead – Cassirer – Piaget, Freiburg i. Br. 2009, S. 278-294.